Region & Raum 29.01.2026
„Regionalplanung ist im Grunde Konfliktmanagement“
Anna Weyde, Erste Verbandsrätin, im Gespräch bei einer Infoveranstaltung zur Neuaufstellung des RROPs.
Frau Weyde, ganz grundsätzlich: Was ist ein Regionales Raumordnungsprogramm – kurz RROP?
Man kann sich das RROP als den großen gemeinsamen Plan für alle Flächen, Verknüpfungen und Standorte in der Region vorstellen. Es legt fest, wo künftig gewohnt, gearbeitet oder gewirtschaftet werden kann, wo Verkehrsinfrastruktur sinnvoll ist und welche Nutzung dauerhaft geschützt werden müssen. Das RROP setzt die Vorgaben des Landes Niedersachsen auf regionaler Ebene um und ist damit verbindlicher Rahmen für alle Kommunen im Großraum Braunschweig.
Warum braucht eine Region so einen Plan?
Weil unsere Flächen endlich sind und die Ansprüche immer vielfältiger werden. Es treffen einfach viele Interessen gleichzeitig auf immer weniger Fläche: Wohnen, Gewerbe, Verkehr, Energie, Landwirtschaft, Hochwasserschutz, Artenschutz und vieles mehr. All das konkurriert oft um Flächen, Trassen und Standorte. Hier setzt mit unserer übergeordneten Planung eine Art Konfliktmanagement ein. Würden die Nutzungen nicht auf regionaler Ebene zusammen betrachtet werden, dann würden Entscheidungen eher isoliert, lokal getroffen. Einzelne Standorte könnten z.B. wichtige Energie-Trassen blockieren oder Rohstoffabbau mit Siedlungsentwicklung kollidieren. Wir orientieren uns bei unserer Arbeit an dem wichtigen Dreiklang der Raumordnung: Sichern – also Nutzungen schützen, Ordnen – verschiedene Interessen in Einklang bringen und Entwickeln, auf die Zukunft blicken. Am Ende entsteht ein Gesamtbild, das für die Region funktioniert.
Können Sie das etwas konkreter darstellen?
Ja, stellen Sie sich ein Hektar Land am Stadtrand vor. Heute Acker, angrenzend ein kleiner Fluss, daneben ein Waldstück, eine Bundesstraße in der Nähe, ein Kieswerk nicht weit entfernt. Die Stadt braucht dringend Wohnraum, der Eigentümer möchte verkaufen. Klingt erstmal einfach – ist es aber nicht. Denn plötzlich geht es auch um Hochwasserschutz, um Straßenanbindungen, um zusätzliche Einkaufsangebote, um seltene Feldhamster und um die Frage, wie viel Versiegelung die Fläche überhaupt verträgt. Genau diese Gemengelage ist im größeren Maßstab Alltag in der Regionalplanung. Unsere Aufgabe ist es, diese Kettenreaktionen frühzeitig mitzudenken und tragfähige Lösungen zu finden.
Warum wurde das RROP für den Großraum Braunschweig jetzt neu aufgestellt?
Regionalpläne müssen alle 10 Jahre überprüft und aktualisiert werden – schon allein aus rechtlichen Gründen. Vor allem aber entwickeln sich die Region und die aktuellen Gegebenheiten immer weiter: der Ausbau der erneuerbaren Energien und auch die daraus folgende Erweiterung der Energieinfrastruktur, demografische Entwicklungen, neue Mobilitätsbedürfnisse seit der Coronapandemie und die Anpassung an den Klimawandel sind nur ein paar Faktoren, die Veränderungen mit sich gebracht haben und noch bringen. Gleichzeitig werden die Flächen knapper: Die zunehmende Versiegelung erhöht das Hochwasserrisiko, verschärft Hitzeprobleme in Städten und belastet den Wasserhaushalt. Landwirtschaft für Ernährungssicherung, Forstwirtschaft und Rohstoffe, die dringend benötigt werden, müssen ebenfalls im Blick behalten werden. Das alles muss in einem aktuellen Regionalplan berücksichtigt werden.
Wie gehen die Regionalplaner dabei konkret vor?
Wir arbeiten auf Basis eines politisch beschlossenen Leitbildes, das die Richtung vorgibt. Dazu kommen Fachgutachten, regionale Konzepte und viele Abstimmungen mit Kommunen, Fachbehörden und weiteren Akteuren. Wichtig ist uns der integrierte Blick: Freiräume sind eben nicht „leer“, sondern erfüllen oft mehrere Funktionen gleichzeitig – ein Wald beispielsweise ist oft Erholungsraum, Rückzugsort für Tiere und Pflanzen, Wirtschaftsraum und Klimapuffer gleichzeitig. Diese Mehrfachnutzungen sichtbar zu machen und zu sichern, ist ein zentraler Teil der Planung. Wir arbeiten da mit Layern, also thematischen Schichten, die wir übereinanderlegen und nach Nutzungskonflikten schauen. Ziel bleibt immer eine aus- und abgewogene Planung.
Und was haben Kommunen und Bevölkerung am Ende davon?
Vor allem Transparenz und Verlässlichkeit. Kommunen wissen, welche Entwicklungsspielräume sie haben und woran sie sich orientieren müssen. Für die Bevölkerung sind die Auswirkungen eher mittelbar, da sie erst in der Genehmigungsphase den Einfluss des RROPs erleben. Aber letztlich bedeutet es: Entscheidungen werden nachvollziehbarer. Ein guter Regionalplan schafft Lebensqualität und ermöglicht Entwicklung – beides gehört zusammen.
Wie geht es jetzt mit dem 1. Entwurf weiter?
Der Entwurf wird Mitte Februar 2026 öffentlich ausgelegt. Schon jetzt informieren wir über Inhalte, Ziele und den weiteren Zeitplan. Während der Auslegung können Kommunen, Verbände, Institutionen und Bürgerinnen und Bürger Stellung nehmen. Diese Hinweise werden alle gelesen und fließen ggf. in die weitere Bearbeitung ein. Es ist gut möglich, dass es auch zu einer zweiten Auslegung der dann überarbeiteten Planung kommt. So entsteht Schritt für Schritt ein Regionalplan, der breit getragen wird und unser Beitrag für eine ausgewogene Entwicklung im Großraum Braunschweig ist.


